Freitag, 11. Juli 2008

Goin' home...

Kerle... Da war aber mal eine lange Zeit Stille hier jetzt. Aber dieses mal hab ich wenigstens eine richtig richtig gute Ausrede: Diese (/$§/(%&/)- Diplomarbeit!! Die letzten Wochen habe ich leider nicht sehr viele andere Dinge gemacht außer mich mit selbiger zu beschäftigen. Wäre jetzt etwas schwach zu erzählen, dass dazwischen nicht mal 45 Minuten für nen Post blieben - aber wenn man den ganzen Tag damit verbringt zu formulieren, ist das nicht unbedingt das allererste was einem in einer Pause einfällt. ;-)

Einmal mehr ein dickes Sorry an diejenigen, die hier öfter geschaut haben - ich gelobe Besserung für Hong Kong ab September!

Diese Zeilen schreibe ich euch übrigens schon wieder aus Deutschland. Vorgestern Nachmittag um 15:50 Uhr habe ich mit Flug BA883 ukrainischen Boden verlassen und bin mit einer kurzen Stippvisite in London wieder in Frankfurt angekommen. Sagte ich London? Dem geneigten Leser mit der 3+ in Erdkunde fällt an dieser Stelle auf, dass das ja nun nicht unbedingt der direkteste Weg war - um genau zu sein bin ich sogar direkt über Frankfurt UND Köln geflogen, aber so schnell gehts eben, wenn man in einer globalisierten Welt für kleines Geld und mit viel Gepäck nach Hause will... Und nochmal: Sagte ich London? Heathrow? Neues Terminal? Gepäckprobleme??? "Alles lang vorbei..." könnte mir besagter Leser wieder antworten - aber ich bin vorgestern abend eines besseren belehrt worden. Die Geschichte erspar ich euch - es ging alles nochmal gut, mein Koffer ist seit gestern hier und alle Klamotten gewaschen für den nächsten Step Reise. (Danke dafür! :-)

Was für ein Fazit zieht man jetzt aus einer so langen und gleichzeitig doch so kurzen Zeit in der Ferne? Ich muss sagen - ein positives! In den letzten drei Monaten habe ich sehr sehr viele extrem intensive Erfahrungen machen dürfen - sowohl positive wie auch negative. Und rückblickend bereue ich keine einzige...

Ich habe einen Einblick in ein Land bekommen, das nach Russland mit Abstand das größte auf dem europäischen Kontinent ist. Ich habe seine Hauptstadt kennen lernen dürfen, die sich im Vergleich mit vielen Metropolen der Welt absolut nicht zu verstecken braucht (und 1-2 hab ich ja doch schon gesehen...). Eine Stadt, deren Zentrum einfach nur wunderschön und immer voller Leben ist und die mit Sicherheit die grünste Großstadt ist, die ich je gesehen habe - und die trotzdem (genau wie das Land in dem sie sich befindet) in unserer westlich begrenzten Wahrnehmung einfach ausgeblendet scheint - genau wie alles andere, was sich hinter diesem eisern-bleiernen Vorhang in den Köpfen immer noch verstecken mag. Schade drum...




Ich habe Bekanntschaft mit einem Land gemacht, das sich auf einer ständigen Suche nach sich selbst zu befinden scheint. Politisch eingeklemmt. Zwischen dem großen Bruder Russland, der doch irgendwie in den letzten Jahren sehr fremd geworden ist - diesem aber wie in einer Zweckehe nach wie vor noch sehr verbunden in der Angst vor der großen Leere DANACH. Und "dem" Westen, dem vermeintlichen Fortschritt, der NATO und der EU, Zugängen zu westlichen Grenzen und Märkten und einer damit verbundenen Abkehr vom großen Bruder.




Gesellschaftlich und kulturell verzweifelt bestrebt, alles russische oder sogar sowjetische möglichst schnell von sich abzustreifen und manchmal fast etwas erschrocken auf der Suche nach etwas, das nach diesem Striptease dann noch als wirklich UKRAINISCH übrig bleibt, was dann aber mit einem Stolz gefeiert und zelebriert wird, der seines gleichen sucht.

Dankbar alles westliche annehmend, dass dieses Vakuum zumindest oberflächlich zu füllen vermag, so dass man zu keiner Uhrzeit und an keinem Ort befürchten braucht, ein Bedürfnis nach McDonalds oder einem Produkt aus dem Sortiment der Coca Cola Company könnte unerfüllt bleiben. So dankbar, dass man in großen Einkaufszentren mit allen großen Modenamen, die wir kennen, auf der Suche nach Souvenirs zwar Fußballtrikots aus Portugal, Schweden, Italien, Brasilien oder Deutschland findet, bei der Frage nach dem ukrainischen Pendant aber nur müde angelächelt wird, um dann in der U-Bahn fündig zu werden.

Ein Land, immer noch gelähmt durch korrupte Strukturen, die im Hintergrund geführt werden von "Männern, die ihr schwarz verdientes Geld in große schwarze Autos mit schwarz getönten Scheiben, schwarze Anzüge, schwarzen Kaviar und schwarzhaarige Frauen investieren und ihre schwarzen Seelen beim Urlaub am schwarzen Meer erholen." (Danke für dieses wunderbare Zitat Vera! :-) In all seiner Instabilität jedoch mit einer jungen Demokratie bestückt, die zwar Neuwahlen im Monatsrhythmus und hitzige (teilweise handgreifliche) Debatten in den Parlamenten produziert, aber wenigstens noch zu LEBEN scheint.

Wirtschaftlich im ständigen Kampf gegen eine galoppierende Inflation, die im letzten Jahr nur knapp weniger als 20% betrug und auch dieses Jahr wohl noch zweistellig bleiben wird. Erstarkend durch noch schneller ansteigende Löhne, die jedoch hauptsächlich in den großen Städten die Bevölkerung erreichen. Ein Land... Dunkle Wolken am Horizont beobachtend mit Blick auf die Überalterung seiner Bevölkerung - bis 2050 wird die Ukraine EIN DRITTEL ihrer Bevölkerung verloren haben. Und schon heute erhält ein Rentner nicht mehr als einen zweistelligen Eurobetrag im Monat, um davon zu leben - bei Lebensmittelpreisen die gerade in Kiew den unseren in vielen Bereichen um nichts nachstehen. Ein Land, in dem sich viele Menschen keine Krankenversicherung leisten können, in dem einen herzerweichende Spendenaufrufe von Kollegen im Büro erreichen, um die Reha für die 5jährigen Tochter einer Bekannten zu bezahlen, auf die ein Metallregal zusammengestürzt ist. Worum bitte machen WIR uns hier eigentlich sorgen??? Wie klein sind unsere Probleme?




Ich habe einen Schlag Menschen kennen gelernt, für den Gastfreundschaft das allerhöchste Gebot zu sein scheint - egal ob es sich hierbei, um Kollegen, meine Mitbewohner aus Odessa oder einfach auch nur VÖLLIG FREMDE gehandelt hat. Sobald irgendwer das gebrochene Russisch aus meinem Mund gehört hat, wurde ich behandelt wie ein uralter Freund, den man nur am Anfang gerade nicht wieder erkannt hat. Menschen, die keine Sekunde darüber nachdenken, zu geben oder abwägen, was sie dafür zurückbekommen könnten. Selbst meine Mitbewohner, deren Gehalt ich im Rahmen meiner Arbeit zu sehen bekam, wollten es sich nicht nehmen lassen, mir unbedingt ein Abschiedsgeschenk zu kaufen und mich noch ein letztes mal zum Essen einzuladen...




Kurzum gesagt: Das Leben hatte die letzten 3 Monate viele kalte Duschen für mich parat, die ich vielleicht auch etwas zu sehr aus diesem Blog rausgehalten habe, wer weiß... - aber auch eben so viele unglaublich bewegende und prägende Momente, dass ich diese 84 Tage Ukraine um keinen Preis missen möchte.

Wer auch immer jetzt neugierig geworden sein sollte - ich stehe als Reiseleiter gerne zur Verfügung!

Jetzt verabschiede ich mich von dieser Stelle erstmal etwas länger in den Süden Amerikas. Ich habe mir ehrlich noch keine Gedanken gemacht, wann es hier den nächsten Post zu lesen gibt....

Am 01.08. komme ich nach good ol' Germany zurück, um meine Diplomarbeit endlich abzuschließen und mich dann Ende des Monats nach Hong Kong aufzumachen - spätestens dann gibt es hier wieder regelmäßiger ein Blog-Leben!

Bis dahin vielen Dank an alle, die sich noch die Mühe gemacht haben bis heute hier zu schauen und mitzulesen und Do Swidanija Kiew! "Bis zum Wiedersehen!!"

Samstag, 14. Juni 2008

"Einfach nur... GRÜN!" oder "Der Weg ist das Ziel"

Hallo zurück aus Kiew...

Wie im letzten Post geschrieben war ich diese Woche ja 2 Tage bei unserem Umbau in Dnipropetrowsk (siehe Link zur Bildergalerie rechts). Den Namen dieser Stadt kriege ich inzwischen ohne schmerzhafte Verknotungen in der Zunge fließend hin, während ich mich bei unserm Markt in Dniprodserzhinsk noch etwas schwerer tue. :-)

Dnipropetrowsk liegt knapp 500km südöstlich von Kiew am Unterlauf des Dnepr, der in dieser Region eigentlich durch Aufstauen mehr ein einziger riesiger See als ein Fluss ist, und ist mit über 1 Mio. Einwohnern die 3.größte Stadt der Ukraine (nach Kiew und Kharkov).



Am Mittwoch morgen hatte ich also meinen Platz auf dem Beifahrersitz unseres Verkaufsleiters Oleg eingenommen und es ging los. Kaum aus Kiew draußen hat man die Millionenstadt auch recht schnell vergessen und es wird einfach nur... grün. Oftmals sieht man kilometerweit nichts anderes als Wiesen und Wälder ohne irgendwo ein Dorf oder auch nur einen Bauernhof erahnen zu können.




Wenn wir anhielten, und gerade kein anderes Auto in der Nähe war, hörte man ... nichts. Selbst das Summen der Bienen erschien einem dann laut - und das ist jetzt nicht als poetisches Gewäsch, sondern einfach nur als Tatsachenbeschreibung zu sehen! :-).

Nach einiger Zeit auf einer größeren Straße ging es dann über eine Landstraße weiter, die ihren Namen wirklich verdient, und wir kamen durch kleinere Bauerndörfer. Hier waren am Wegrand vor jedem Haus abwechselnde Beispiele für die ukrainische agrikulturelle Nutztierhaltung angekettet - Kühe, Schweine, Schafe, Ziegen und Pferde standen uns quasi Spalier. Schnell fühlte man sich so ein ganzes Stück in der Zeit zurück versetzt in ein ganz anderes Leben als das unsrige. (was jetzt in keiner Form wertend gemeint sein soll).




Auf der Hälfte der Strecke erinnert einen die größere Stadt Krementschuk wieder daran, dass man im 21. Jahrhundert mit allen seinen Vor- und auch Nachteilen ist. Ansonsten ging es die ganze Zeit so dahin bis sich irgendwann ein irres Panorama auf den Dneprstausee bot, zu dem es dann die letzten Kilometer parallel weiterging.

Obwohl die genannten ca. 470km größtenteils auf eher "romantisch rustikalen Straßen" zurückzulegen waren, brauchten wir für die Strecke nicht mehr als 6 Stunden... Wer mich kennt, weiß auch über meinen ab und an etwas "offensiveren" Fahrstil Bescheid - aber von Oleg könnte man glaube ich immer noch was lernen. Ich habe ja immer noch den Verdacht, dass er irgendwo unter dem Auto eine spezielle Flügelkonstruktion verbaut hat, von der die Formel 1 noch keinen Wind bekommen hat.

Offiziell ist in der Ukraine zwar durchgehend Tempolimit 90, aber falls man das blöderweise gerade einmal vergessen haben SOLLTE, warnt einen der freundliche Gegenverkehr immer bereits frühzeitig vor wartenden polizeilichen Wegelagerern. Und selbst wenn das mal nicht gereicht haben SOLLTE, erzählte mir Oleg, sei es mit einer Geldstrafe von meistens 10-20 Grywna (1,40-2,80 EUR) getan. :-)

So kamen wir gegen Mittag also am Markt an, der nach einem arbeitsreichen Nachmittag, Abend und Morgen dann am Donnerstag Mittag schließlich die Türen wieder öffnen konnte. Längere Umbau-Einzelheiten will ich euch an dieser Stelle ersparen, da es sicherlich nicht alle interessiert - können wir bei Gelegenheit dann gerne persönlich nachholen.




Nachmittags ging es dann zurück gen Heimat mit einem "kleinen" Zwischenstopp bei "Krementshuk-Mjaso" (Mjaso=Fleisch), einem unserer Hauptlieferanten im Fleisch- und Wurst-Bereich. Oleg wollte hier einige neue Produkte verkosten, die für eine Listung in Frage kommen. Ich denke mal er war schon ziemlich lang nicht mehr da, denn nach einem leckeren Mittagessen haben wir (meiner Meinung nach) so ziemlich das gesamte Sortiment der Firma probieren dürfen (er wollte unbedingt wissen, was eine deutsche Zunge dazu sagt - werde ich mich da lang wehren?). Bis auf einige, wenige Ausnahmen (meine werten Eltern wissen sicherlich noch, wovon ich unter anderem Spreche) war auch alles wirklich lecker, so dass ich mir im Stillen vornahm bis Anfang Juli auf keinen Fall mehr etwas zu essen (erfolglos übrigens ;-).

Danach gings dann im Eiltempo heimwärts, wo ich pünktlich zum Beginn von Polen-Österreich eintraf, aber nur noch erschöpft ins Bett fiel. Natürlich nicht ohne mir vorher das deutsche Spiel auf Spiegel Online durchzulesen. :-( Man kann euch aber auch echt keine 5 Minuten alleine lassen!! Aber am Montag bin ich wieder am Fernseher zur Stelle und alles wird gut. Da haben wir nämlich glücklicherweise mal wieder FEIERTAG (Pfingsten).

Ansonsten wird das WE für mich ziemlich (vllt. sogar ausschließlich) arbeitsreich, da die Abreise ja immer näher rückt. Heute abend spielt Paul McCartney gratis auf dem Majdan, was seit Wochen groß im TV und mit Plakaten beworben wird. Habe mich aufgrund des Zeitdrucks dazu entschieden nicht hinzugehen (und weil der gute Paul und/oder die Beatles eh noch nie so mein Fall waren).

Für den interessierten Leser lohnt sich aber bestimmt nachher mal ein Blick und Klick auf die eingebundene Webcam rechts, auch wenn man die Bühne leider nur von hinten sieht - ich denke es wird unbeschreiblich voll werden in der Innenstadt.

Der gerade einsetzende Gewitterregen scheint mich übrigens in meiner Entscheidung zu bestätigen... Schade für alle Beatles-Fans - seit 2 Wochen war Hochsommer! Gut für mich, die Temperatur in meiner Wohnung und mein Gewissen.... :-)

Dienstag, 10. Juni 2008

Home, sweet Home

Ein herzliches, abendliches Hallo!

Nachdem es jetzt schon über eine Woche her ist, dachte ich mir es wird mal Zeit euch von der Neuigkeit Nr. 1 zu erzählen: Ich bin umgezogen! Aber immer der Reihe nach und schön ganz von vorne...

Die ersten 1,5 Monate meines ukrainischen Lebens hatte ich ja in unserer Marktwohnung zusammen mit den freundlichen "zarten Metzgern" Ruslan & Ruslan verbracht (mmmh... alle, für die das jetzt leicht "rosa" klang googeln bitte an dieser Stelle mal "Badesalz Zarte Metzger" - nicht, dass hier Gerüchte entstehen ;-).

Das war soweit auch alles super und es gab immer zu Essen und zu Lachen (und von beidem reichlich). Nebenbei konnte ich auch abends Russisch üben und die beiden sind mir echt ans Herz gewachsen. Der etwas "Beleibtere" (Kölsch-oder-Wodka berichtete) war sogar die letzten Wochen schwerst motiviert abends mit mir joggen - Hut ab, ein Riesenehrgeiz der Mann.

Nur kam dann noch ein Dritter mit in die Runde (der auch supernett usw war). Plus den Gästen, die ab und an mal ein paar Nächte in der Wohnung Unterschlupf suchten, führte das dann dazu, dass wir zeitweise zu 6. dort genächtigt haben (4 Betten, 1 Couch, 1 Sofa). Wär auch alles kein Problem gewesen, aber ich dachte mir dann: Wenn du irgendwann mal deine Diplomarbeit zu Papier bringen willst, solltest du doch mal nach was eigenem schaun. :-)

Gesagt getan... Und aufgrund eines glücklichen Zufalls, der eigentlich schon wieder nen eigenen Post wert ist, und einer sehr, sehr freundlichen Bekannten, kam es dann dazu, dass ich seit letztem Sonntag für den Rest der Zeit eine schöne, kleine eigene Wohnung habe. Erst war ich ja noch am zögern, ob ich die Jungs im Markt einfach allein lassen soll, aber dann kam genau am Sonntag morgen, der 4. Fleischkünstler an, der jetzt auch länger dort wohnen wird und ich habe mir sagen lassen, ich soll auf die Zeichen achten, die mir geschickt werden (woher eigentlich? ;-). Und wenn das mal keins war... Insofern viel mir die Entscheidung nicht sehr schwer.

Und bereut habe ich sie bisher auch nicht: Alles, was das Herz begehrt, ist hier vor Ort, sogar...festhalten: Eine Waschmaschine!!! Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal so diebisch freuen würde, schmutzige Wäsche einfach in die Maschine zu schmeißen, aber glaubt mir: das mit der Handwascherei ist ja schön und gut und war auch vor 100 Jahren sicherlich mal das Nonplusultra der technischen Entwicklung, aber umsonst kam die Menschheit ja nicht auf eine derartige Erfindung!

Einen Leidensgenossen in Bezug auf diese Ansicht habe ich übrigens auch gefunden. Bei meinen manuellen Sauberkeitsbemühungen in der alten Wohnung habe ich traditionell immer ein Stück von der Hörbuch-Version von Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" gehört (Danke, Lutz!). Dabei wäre ich dann beinahe prustend in die Wanne mit meinen schwimmenden Socken gefallen als er sinngemäß zum entnervten Schluss kam "Mein allabendliches Abrackern mit der Handwäsche in allen Ehren, aber ich habe das Gefühl, dass meine Wäsche nie richtig sauber wird. Ein ordentlicher Vollwaschgang mit anschließender Schleuderfunktion ist eben durch nichts zu ersetzen." Recht haste, Hape!

Aber ich schweife ab... Die Wohnung ist wie gesagt prima und liegt im Staddteil Rusanovka - wobei Stadtteil zu wenig gesagt ist, denn Rusanowka ist von einem Seitenarm des Dneprs und einem Kanal komplett mit Wasser umschlossen und darf sich somit offiziell "Insel" nennen. Auch wenn man durch den Kanal wahrscheinlich durchwaten könnte, finde ich diesen Titel mehr als angebracht: Hier ist alles wunderbar grün, vor meinem Fenster gibt es an jedem Wochenende einige Riesenfontänen zu bestaunen und man kann bequem am Kanal entlang einmal um die Insel joggen. Hier noch ein paar Fotos von Rusanovka - aber auch bei meinen gibt es schon einige wenige zu bestaunen.

So, jetzt habe ich aber erstmal genug Text abgesondert... Morgen gehts bis Freitag Mittag nach Dnipropetrowsk mit unserem Vertriebsleiter. Freu mich schon sehr drauf, mal was anderes von der Ukraine zu sehen. Denn Kiew ist halt doch in allen Belangen anders als der Rest des Landes, soweit ich das bisher beurteilen kann.

Also denn... Davon gibts dann sicher auch wieder einiges zu berichten. Bis dahin noch einen schönen Abend allerseits und bis die Tage!


Aber zum Abschluss noch die obligatorische EM-Frage: Ich hab das große Glück, dass das ukrainische Erste tatsächlich alle Spiele live überträgt und ich somit am Sonntag die Deutschen sehen konnte (wenn auch mit ukrainischem Kommentar - aber wen interessiert's). Nur was mich schon am 4. Spieltag tierisch nervt: Kommen bei euch auch in jeder Halbzeit diese saublöden EM-Maskottchen in einem noch saublöderen animierten Video, das das gesamte saublödeste EM-Lied von Shaggy lang läuft? Oder ist das eine Spezialität des ukrainischen Fernsehens, das andauernd zu zeigen?

So oder so - derjenige, der die Idee hatte, möge sich bitte in Kürze hier melden! :-)

Mittwoch, 28. Mai 2008

Von Wahlergebnissen und Rodina Mat

Kiew hat gewählt! Auf die aus deutscher Sicht großartigen Resultate beim Grand Prix möchte ich jetzt nicht näher eingehen - ich hab tatsächlich ein ganzes mal brav für Deutschland angerufen (ja, ich war der eine... :-).

Bei der anderen Wahl stehen die Resultate noch nicht ganz so klar fest - wohl aber das Ergebnis: der bisherige Bürgermeister wird mit ca. 30% der Stimmen wiedergewählt werden, gefolgt von Alexandr Turtschinow und... Vitali Klitschko mit jeweils ca. 17-20% der Stimmen. Das ist bei 70(!) Bewerbern - man verzeihe mir die im letzten Post genannte Zahl 40 - zwar nicht schlecht, aber halt leider nunmal auch nix wert. Das endgültige Ergebnis wird Ende der Woche nach Auszählung aller Stimmen erwartet. (und wir haben doch tatsächlich Sonntag abend nach den ersten Hochrechnungen gesucht.. ,-)

Das Wochenende war prima, aber dazu ein ander mal mehr. Zunächst möchte ich einen Zeitsprung zurück in meiner Zeit in Kiew machen und euch vom Besuch bei einer netten, älteren Dame erzählen, der sich quasi nahtlos an meinen letzten Post mit der überfüllten Innenstadt anschließt. Die Rede ist von... Rodina Mat!

Der Name dieser gigantischen Frauenstatue, die triumphierend Schwert und Schild in die Höhe streckt, bedeutet übersetzt "Mutter Heimat". Über die Heimat wacht Rodina Mat seit dem Tag des Sieges (09.05.) 1982 und schaut grimmig ostwärts über den Dnepr, in die Richtung, aus der 1943 die rote Armee gen Kiew vorrückte.




Im gesamten Freiluft-Komplex des "Museums des Großen Vaterländischen Krieges" (= 2. Weltkrieg auf Russisch) findet sich außerdem eine Art OpenAir-Waffenschau mit allem möglichen Kriegsgerät, das gigantische Denkmal der erzwungenen Dnepr-Überquerung der roten Armee und ein sehr eindrucksvolles 2.-Weltkriegs-Museum - wirklich extrem interessant einmal zu beobachten wie der Krieg aus sowjetischer Sicht betrachtet und bewertet wird. Außerdem beherbergt der Komplex noch das ewige Feuer, das jeden 09.05. entzündet wird....*hüstel*.......... soooo....... Was sollte einem bei dieser Formulierung, die ich nun schon mehrfach gelesen habe, auffallen? Es würde mich schwerstens interessieren, ob man einfach in jeder Nacht zwischen 08. und 09.05. heimlich die Flamme löscht, ob am 09. dann einfach so getan wird als ob sie aus wäre oder ob das mit dem "ewig" sowieso eher relativ anzusehen ist. ;-)




Aber zurück zu Rodina Mat:

Die Statue allein ist 45 Meter hoch und 60 Tonnen schwer und (oh Wunder) damit höher und schwerer als die Freiheitsstatue in New York. Sie wäre wohl noch höher geworden, aber dann hätte man es sich mit den Oberen des Lawra-Klosters verscherzt. Da der dortige Glockenturm wie beschrieben ja 96,FÜNF Meter hoch ist, sind sind es somit bis zum Kopf von Rodina Mat "nur" 96m geworden.




Um einen gewaltigen Eindruck zu hinterlassen reicht das aber allemal.

Weniger beeindruckt sind die Kiewer von diesem Paradebeispiel sowjetischer Ideologie mitten in ihrer Stadt. Sie nennen sie "Metallmama", "eisernes Weib" oder "Brezhnews Tochter" (in Anlehnung an ihren Schöpfer) und würden sie am liebsten abreißen oder zumindest Hammer und Sichel auf dem Schild gegen den ukrainischen "Tryzub" austauschen. So sieht es zumindest mein Reiseführer...

Für diese Ansicht spricht allerdings auch, dass mich bisher beim vorbeifahren noch nie jemand von selbst auf Rodina Mat aufmerksam gemacht hat - nicht einmal die Leute, die einem sonst bereitwillig jede Kleinigkeit erklärt und gezeigt haben. Beliebt ist die alte Dame also keinesfalls. Auch sonstige Erinnerungen an die Sowjet-Zeit möchte man am liebsten für immer aus dem Stadtbild tilgen. Vor kurzem habe ich über eine Gesetzesinitiative gelesen, nach der Präsident Juschtschenko alle sowjetischen Denkmäler in Kiew abreißen will, um deren Verherrlichung zu verhindern.




Einerseits finde ich das verständlich, da man in der Ukraine und gerade in Kiew sehr stark unter dem sowjetischen Regime gelitten hat und sehr auf seine Unabhängigkeit bedacht ist. Auf der anderen Seite finde ich es immer schade, wenn versucht wird, einen unumstößlich vorhandenen Teil der Geschichte des eigenen Landes zu tilgen und für die Nachwelt für alle Zeit unzugänglich zu machen.

Schauen wir also mal, wie es Rodina Mat in den nächste Jahren ergeht...

Freitag, 23. Mai 2008

Kiew wählt

...schon wieder einen Post "Lebenszeichen" zu nennen, wäre ja schließlich auch langsam langweilig.

Aber passend wäre es, denn wie ich heute morgen treffend in einer eMail gelesen habe ist ja seit ein paar Tagen hier "auf allen Kanälen nur Rauschen" (alter Metaphoriker! ;-).

Das liegt auch nicht (mehr) an meiner INet-Situation, die sich inzwischen sehr stark verbessert hat. Vielmehr wohl daran, dass ich inzwischen wirklich gut was zu tun habe und die Restzeit immer überschaubarer wird (während mir mein leeres Datei-Gerippe meiner Diplomarbeit täglich hämisch entgegengrinst). Wie mein Tag in der Regel so aussieht, werde ich euch mal an anderer Stelle darstellen.

Außerdem ist auch die Gesamtsituation nicht immer ganz einfach für mich, aber das hab ich schließlich so gewollt. Alles in allem geht's mir hier nach wie vor aber gut und ich möchte nun endlich Kiew-Tour Nummer 2 zu Papier(...ääääh... wie nennt man so was heutzutage?) bringen.

Nachdem ich beim ersten mal ja einige Sehenswürdigkeiten außerhalb des Zentrums zu sehen bekam, war der Plan für dieses mal, mich direkt ins Herz Kiews zu stürzen und von dort aus loszuziehen. Das pulsierende Zentrum dieser Stadt (und schon bin ich auch in Metaphern verwickelt) ist der "Majdan Nezalezhnosti" (Unabhängigkeitsplatz, siehe Titelfoto meines Blogs), dem geneigten Leser als Schauplatz der orangenen Revolution 2004 bekannt. Der Platz wird von der Prunkstraße Kreschtschatik durchteilt und durch "den" Kiewer ausgiebig zum bummeln, shoppen und flanieren genutzt.




Soviel zum Plan... Was man als unbedarfte deutsche Touristennase aber nicht vergessen sollte, ist die Tatsache, dass in Kiew zur Zeit Wahlkampf für die am Sonntag anstehenden Bürgermeisterwahlen ist. Hierbei handelt es sich um vorgezogene Wahlen wegen einiger "Unstimmigkeiten". Wer näheres zu den abenteuerlichen Umständen der Wahl wissen möchte, kann sich ja mal diese Länder-Analyse der Gesellschaft für Osteuropakunde durchlesen. Um darzustellen, dass der Begriff "Unstimmigkeiten" in der Ukraine nicht etwa die gefärbten Haare eines Kanzlers betrifft hier einmal die ersten paar Sätze:


"Der im März 2006 gewählte Kiewer Bürgermeister
Leonid Tschernowezki geriet im Dezember 2007 in
einen heftigen politischen Konfl ikt mit der neu gebildeten
Regierung von Ministerpräsidentin Julia Timoschenko.
So kam es bei einer Sitzung des Nationalen
Sicherheitsrates zu Handgreifl ichkeiten zwischen ihm
und Innenminister Juri Luzenko. Mitte März 2008
erhob dann eine Regierungskommission schwere Korruptionsworwürfe
gegen Tschernowezki. Präsident Viktor
Juschtschenko suspendierte daraufhin den Bürgermeister
für 15 Tage aus seinem Amt und setzte eine
eigene Kommission ein, um die Vorwürfe zu klären.
Die Vorwürfe gegen den bisherigen Bürgermeister beziehen
sich auf die unrechtmäßige Vergabe von Grundstücken,
insbesondere Baugenehmigungen in Erholungs-
und Naturschutzgebieten, den Zwangsverkauf
von Künstlerwerkstätten am Andreasgässchen im Herzen
der Stadt, die Schließung von Buchhandlungen und
Finanzvergehen."



Neben fast 80 anderen Kandidaten, kandidiert übrigens auch der netter Herr unten zum zweiten mal - und seine Chancen stehen wohl gar nicht mal so schlecht. Allerdings werden nach wie vor dem vermeintlich korrupten Amtsinhaber größere Chancen zugeschrieben, da er vor allem bei Rentnern und ärmeren Bevölkerungsteilen große Beliebtheit genießt.




Aber wenn ich Wahlkampf sage, meine ich auch WahlKAMPF! Die Innenstadt ist momentan gepflastert mit kleinen Pavillons in allen Regenbogenfarben, die sich gegenseitig in der Lautstärke ihrer "interessant" zusammengestellten Musikauswahl zu übertreffen versuchen. Die Festival-ähnliche Groß-Bühne auf dem Majdan, auf der die sozialistische Partei Folklore-Tänze vollführen ließ, gab mir dann endgültig den Rest und ich habe mich spontan zu einer kleinen Planänderung zu Gunsten einer etwas weniger zentralen Sehenswürdigkeit entschieden.







Dazu aber die Tage dann mehr... Ich will euch ja nicht gleich in Text ertränken. Ein paar neue Fotos gibt's jetzt schonmal, der Text dazu folgt dann in Kürze.

Morgen kommt erstmal hoher, elterlicher Besuch aus der Heimat, den es zu beschäftigen gilt. Und auch hier wird sich sicherlich so einiges zu erzählen finden. Denn dieses Wochenende ist wahrscheinlich eins der turbulentesten für Kiew im gesamten Sommer: Neben der Wahl am Sonntag wird morgen der "Tag Kiews" gefeiert und morgen Abend ist ja zudem das GranPrix-Finale. Ich weiß, das interessiert bei uns keinen Menschen mehr, weil sich die osteuropäischen Länder eh immer gegenseitig die Punkte zuschieben - aber "komischerweise" ist es hier sehr populär. (Nicht, dass da Zusammenhänge wären)

Ich hab vom Grand Prix z.B. schon weit mehr gehört als von der anstehenden Fußball-EM, die ja leider ohne ukrainische Beteiligung stattfindet. ;-) Wie ist das daheim? Ganz Deutschland schon im EM-Fieber?

Dienstag, 6. Mai 2008

Downtown Kiew

Noch bin ich euch ja immer noch meine Erlebnisse in der Innenstadt schuldig... Diese Schuld möchte ich mit diesem Post gern begleichen. :-) Am Wochenende hab ich das dann vor lauter Arbeiten (und Ausruhen ;-) leider doch nicht mehr geschafft.

Bisher habe ich ja (leider erst) 2 Touren ins Zentrum gemacht, aber da am Freitag hier mal wieder Feiertag ist (der geneigte Leser vermag zu erkennen, was es am 09.05. vor 63 Jahren zu feiern gab :-), denke ich am WE folgt Nr. 3.

Die ersten Eindrücke durfte ich also am Osterwochenende mit Oxana und Irina, Verwandten von Freunden, sammeln. Die beiden haben wirklich ein Super-Reiseführer-Team abgegeben, sodass ich viel viel neues über Kiew und die Ukrainer erfahren habe.

Nach einem kurzen Besuch in einem Park (ja ich weiß, der hat auch nen Namen...) und dem Präsidentenpalast incl. Langzeitdemonstranten davor, sind wir zur Andreaskathedrale gefahren.

Am meisten beeindruckt hat mich an diesem Tag aber das Lawra-Höhlenkloster, das bereits im 11. Jh. gegründet wurde und einen DER zentralen Orte der osteuropäischen, orthodoxen Kirche darstellte und immer noch darstellt. Anfangs lebten und beteten die Mönche ausschließlich in selbst gegrabenen Höhlen, um so ganz mit Gott allein sein zu können - wem's gefällt. Über die Zeit wuchs das Klostergelände aber immer weiter und heute findet sich darauf eine Vielzahl prächtiger Kirchen und sonstiger Gebäude. Unter anderem den mit 96,5m höchsten, freistehenden Glockenturm des ehem. Russischen Reiches, von dem man einen wunderbaren Blick über ganz Kiew hat.

Eine weniger weite Aussicht bot dann die Besichtigung der Höhlen selbst, um die sich eine Vielzahl von Mythen und Legenden ranken. So soll einst z.B. ein unterirdisches Tunnelsystem das Lawra-Kloster mit Moskau, Smolensk und Nowgorod verbunden haben (da haben die Mönche dann aber ein "paar Meter" Erde weggeschaufelt) und es soll noch immer irgendwo ein sagenhafter Goldschatz versteckt sein.

Zu der mystischen Atmosphäre trägt bei, dass die Höhlen nur durch Kerzenschein beleuchtet sind, aus Gängen bestehen, die ungefähr 2m hoch und 1,30m breit sind und es eine Vielzahl von mumifizierten Mönchsleichen in gläsernen Särgen zu betrachten gibt. Dieser Mumifizierungs-Prozess ist übrigens das nächste Mysterium, da die Leichen nicht einbalsamiert wurden und viele auch einfach "normal" verwesten. Denjenigen, die nach einigen Jahren mumifiziert aufgefunden wurden, sagte man daher nach, besonders gläubig gewesen zu sein.

Apropos... Diejenigen Mönche, denen das pure Beten ohne Tageslicht zu langweilig war, haben sich kurzerhand einen eigenen kleinen Seitenraum gegraben. Dieser wurde dann (mit Mönch) zugemauert und nur ein kleines Guckloch freigelassen, in das die Kollegen ihm dann täglich Wasser und Hostien gestellt haben. So fristete der Gute dann seines Einsiedlerdaseins und wenn dann eines Tages mal das Dinner vom Vortag noch dastand, wussten die anderen, dass er gestorben war und haben kurzerhand das Loch auch zugemauert - fertig. So, jetzt aber genug Gruselgeschichten für heute Abend...

Nachdem uns die Sonne wieder hatte, sind wir noch Essen gefahren - (natürlich) Schaschlik, leeeeeckaaaaa und danach zurück zu meinem gelb lackierten zu Hause. :-)

Ich denke, ich hab euch jetzt erstmal mit genug Text belastet und hebe mir Tour 2 für einen nächsten Post auf. Diesen gibts dann auch wieder mit Fotos direkt dabei.

Ansonsten geht's mir gut so weit, meine Diplomarbeit kommt so langsam in Fahrt (wird ja auch Zeit..) und die Tage vergehen wie im Fluge.

Viele Grüße vom wieder kälter werdenden Kiew in das wohl sehr sommerliche (?) Deutschland.

Freitag, 2. Mai 2008

Fotos aus Kiew und des Raetsels Loesung

Sooo... Heute hab ich mich dann endlich mal aufgerafft und auch die bisherigen fotografischen Ergebnisse meiner Zeit in Kiew hochgeladen.

Kiew



Hat zwar seine Zeit gedauert, da es ueber einen 56k-Anschluss geschehen ist, aber jetzt sind die Galerien auf Stand heute. Ich wuensche viel Spass beim Betrachten!

Ansonsten gehts mir soweit gut... Weiteres, auch zu meiner gestrigen Tour ins Zentrum, gibts dann im Laufe des Wochenendes.

Nur das Raetsel moechte ich an dieser Stelle noch aufloesen: Auch wenn mir Flos Ansatz gefallen hat, scheint doch ein direkter, kausaler Zusammenhang zwischen Koerperumfang und beruflicher Beschaeftigung mit viel, viel totem Fleisch zu bestehen. ;-)

Der rechte ist der Metzger (und der frischgebackene Zweifach-Papa)

Euch allen noch einen schoenen Abend!